Interview Jazzpodium

"Wir müssen kultivieren" - Interview

Im Juni 2009 war in agas eine Besprechung des Debütalbums "Anadulphs Traum" des Würzburger Gitarristen Joe Krieg zu lesen. Die Rezension wurde zur kleinen, leisen Laudatio auf eine leise, große Platte eines Musikers aus deutsch-französischem Hause, dessen musikalisches Spektrum so breit ist wie das seiner Interessen auch für erstaunlich weit jenseits der Welt der alltäglichen Phänomene liegende Themen. Joe Krieg ist ein nachdenklicher, nachdenkender Wanderer zwischen etlichen Welten. Wie das aussieht, beschreibt er in einem ausführlichen eMail-Interview.

agas: Mich haben immer schon polyglotte Menschen und solche interessiert, die entweder zwischen oder mit mehr als einer Kultur aufgewachsen sind. Erkläre uns doch bitte ein wenig, was es in deiner Biografie mit Frankreich auf sich hat. Bist du Deutsch-Franzose durch dein Elternhaus?

J.K.: Richtig. Meine Mutter kommt aus der Nähe von Toulouse, aus Agen, um genau zu sein, wo auch der Großteil meiner Familie lebt. Mein Vater kommt ursprünglich aus Frankfurt/Oder, ist aber flucht- und kriegsbedingt in Würzburg gelandet, wo ich selber 1974 geboren und dann aufgewachsen bin. Heute lebe ich immer noch hier in Würzburg, war aber zwischenzeitlich immer wieder mal weg. In Frankreich habe ich leider nie wirklich gelebt. Als Kind habe ich mich allerdings die ganzen dort Ferien aufgehalten. Meine schulische Ausbildung hatte ich aber wie gesagt hier in Deutschland.  

agas: Ist das – aktiv, passiv – ein musikalisches Elternhaus?

J.K.: Unprofessionell aktiv. Musik war bei uns schon großgeschrieben. Meine Oma hat uns ein Klavier geschenkt, und meine Geschwister und ich haben dann über mehrere Jahre Unterricht gehabt. Meine Eltern waren auch stets dahinter, dass wir ordentlich übten, wofür ich Ihnen heute natürlich sehr dankbar bin. Instrumententechnisch war das allerdings nicht sehr ergiebig. Meine Klavierlehrerin hat schon einige Male heulend den Unterricht beendet. Dennoch wurden wir so an die Musik herangeführt, und das ist wirklich sehr wertvoll. Meine Geschwister (Bruder und Schwester, vier und zwei Jahre jünger) haben keinen professionellen musikalischen Weg eingeschlagen, beschäftigen sich aber sehr intensiv mit Musik. Man wird dadurch einfach um eine Dimension erweitert oder bereichert. Und bekommt dadurch einen anderen Zugang zur Kunst ganz generell, denke ich. In der Familie mütterlicherseits sieht es schon etwas besser aus. Zwei Cousins sind professionelle Opernsänger, und meine Cousine hat Klavier studiert 

agas: In deiner Biografie finden sich einige ungewöhnliche Dinge, beispielsweise, dass du studierter, vordiplomierter Betriebswirt bist. Da stellt sich natürlich die Frage: Wie kommt ein musisch begabter und interessierter Mensch zum Studium der Betriebswirtschaft? Oder andersherum: Wie kommt ein Betriebswirtschaftler bis zum Vordiplom, um dann die Musik zum Hauptlebensinhalt zu machen?

J.K.: Da muss ich ein wenig weiter ausholen. Mit 14 habe ich einen damaligen Freund in seiner Band  Gitarre spielen sehen. Sie haben „For Whom the Bell Tolls“ von Metallica und „TNT“ von AC/DC gespielt. Das hat eingeschlagen wie eine Bombe. Ich wusste zwar nicht, dass diese Bandprobe mein Leben maßgeblich beeinflussen würde aber ich wusste, dass da gerade etwas Unglaubliches passiert war. Ich bin sofort nachhause und wollte eine E-Gitarre und Unterricht, was ich auch nach einigen Diskussionen bekam. Mit 19 habe ich dann auch mit der damaligen Band meine erste CD eingespielt. Aber eine professionelle Ausbildung kam mir nicht in den Sinn, zum einen dachte ich, ernsthaft Musik zu studieren wäre nur was für Hochbegabte mit Einser-Abitur. Und zum anderen wusste ich auch nicht, dass man davon leben kann, wenn man nicht bei Aerosmith oder den Toten Hosen spielt. Ich war wirklich sehr naiv. Anfang 20 war mir allerdings bewusst, dass ich zu viel Zeit mit der Gitarre verbrachte und eigentlich was „Ordentliches studieren sollte“ Ich hatte mir vorgenommen, mit 30 die Gitarre an den Nagel zu hängen. Zum Glück kam alles anders. Ich hatte die Werbung einer Musikschule gelesen, die mit dem Abschluss einer professionellen Ausbildung warb und das auch studienbegleitend in Samstags-Kursen, denn mittlerweile hatte ich – 1994 - mein BWL-Studium begonnen. Grün wie ich war, dachte ich natürlich auch, dass ich nach meiner Ausbildung so spielen könnte wie Steve Lukather, John Petrucci oder Mark Knopfler – unglaublich, wenn ich heute darüber nachdenke. An dieser Schule habe ich realisiert, dass meine damaligen Dozenten durchaus von der Musik leben konnten. Sie haben mir auch Mut gemacht, mich an der Hochschule zu bewerben. Da war ich so ungefähr 24. Andere sind zu diesem Zeitpunkt schon längst fertig ausgereifte musikalische Persönlichkeiten, und ich begann gerade erst zu verstehen wo oben und unten ist. Mit Jazz bin ich auch kurz vor dem Musikstudium konfrontiert worden.

Um wieder zu deiner Frage zu kommen - zu diesem Zeitpunkt habe ich schon so viel Musik gemacht, dass ich nicht mehr ernsthaft Zeit hatte, weiter BWL zu studieren. Irgendwann kam dann auch der Punkt, an dem ich mich entscheiden musste. Leider habe ich diesen Zeitpunkt sehr lange hinausgezögert, weil ich mir das alles tatsächlich nicht zugetraut hatte.

agas: Auch an dich an dieser Stelle eine meiner immer „Stamm“-Fragen: Stell dir vor, wir treffen einen meiner Bekannten, und ich wollte dich ihm vorstellen. Wie würdest du dir wünschen, dass ich dich vorstelle? Als Musiker? Als Jazzmusiker? Als Gitarrist? Als Jazzgitarrist? Als was sonst vielleicht?

J.K.: Das ist tatsächlich eine schwere Frage. Da hat jeder bestimmt andere Vorstellungen. Aber ich stelle mich selber immer als Musiker vor und auf die nachfolgende Frage, was ich denn spiele, natürlich: Gitarre. Die Musikart, die mich am meisten fordert und mir am meisten Raum für Kreativität und künstlerischen Ausdruck verleiht, läuft bestimmt unter dem Begriff Jazz. Aber die Diskussion über Jazz, wo er anfängt und aufhört, haben schon andere geführt und keine befriedigende Antwort gegeben. Also werde ich das bestimmt auch nicht tun. Deine letzte Frage würde ich sofort mit „Künstler“ beantworten.

agas: In einer deiner eMails versteckst du ein bisschen einen bestimmten Aspekt deiner Vita, weil du meinst, er gehöre "nicht unbedingt" in ein Interview. Andererseits schreibst du, dass er "in sehr engem Zusammenhang mit meiner Musik" stünde. Letzteres, denke ich, rechtfertigt, doch kurz darauf zu kommen. "Ich bin gläubig", hast du mir geschrieben und bezeichnest dich damit als einen religiösen Menschen. Hier interessiert nun tatsächlich vor allem, inwiefern das in engem Zusammenhang mit deiner Musik steht. Magst du darüber etwas sagen?

J.K.: Religion und Kunst sind ein sehr weit tragendes Thema, und ich freue mich, ein paar eigene Gedanken beitragen zu dürfen. Ich bin zwar kein Kunsthistoriker, aber ich glaube mich nicht allzu weit aus dem Fenster zu lehnen, wenn ich behaupte, dass Kunst schon immer eng mit Gott oder Götterverehrung und Dankhuldigungen verbunden war und nach wie vor verbunden ist. Das von uns Menschen erschaffene „Schöne“ soll Gott die höchste Ehre erweisen.

Aber nicht wir Menschen haben diese Schönheit hervorgebracht, sondern Gott selbst. Sie ist ein Abglanz Gottes und eines der schönsten Geschenke Gottes an die Menschen, für mich als Musiker natürlich ganz speziell die Musik. Und damit meine ich nicht nur Musik mit hohen künstlerischen Ansprüchen für eine musikalisch gebildete Bevölkerungsschicht. Musik erreicht unsere Seelen und dringt in unser Innerstes ein. Sie ist eine Kommunikationsebene zwischen Gott und uns.

Diese Überlegungen sind für mich elementar und definieren meine Beziehungen und meinen Standpunkt zwischen Gott, der Musik und mir als Musiker. Nichts ist gegeben außer von Gott alleine, selbst der Wille und über den Willen hinaus die Vollendung. Das heißt, dass ich primär nicht mehr den Künstler bewundere, sondern die ihm von Gott gegebenen Fähigkeiten. In einem zweiten Schritt werde ich natürlich auch den Menschen bewundern. Wir Künstler sind alle Berufene und haben einen Auftrag, egal, welcher Religion wir angehören oder ob wir gläubig sind oder nicht. Manche bekommen die Fähigkeiten und Visionen, Musikgeschichte zu schreiben, Musikstile zu prägen, andere die Fähigkeit musikalische und technische Standards auf einem Instrument zu erweitern. Noch andere wiederum tragen dazu bei, die nationale oder regionale Musikkultur und Musikszene zu bereichern.

Der Gedanke des Geschenkes heißt im Umkehrschluss nicht, dass alles im Vorfeld erschaffen ist und ich mich einfach nur ins fahrende Boot setzen muss. Ich habe den freien Willen, meinem Tatendrang Ja oder Nein zu sagen. Bildlich ausgedrückt kann sagen: Ich gehe lieber joggen oder schaue lieber fern, anstatt diese schöne Melodie aufzuschreiben und vielleicht sogar auszukomponieren. Eine meiner Hauptaufgaben als Musiker ist bestimmt, meine Musik und mich als Musiker immer wieder an die Grenze meiner eigenen, mir gegebenen Fähigkeiten zu treiben. Nur so kann ich meinen Platz in der Musik finden und ihm gerecht werden.

agas: Wenn ich es richtig sehe, arbeitest du nicht nur als Musiker, sondern auch als Produzent, oder? Du sitzt am Mischpult und nimmst anderer Leute Musik auf, zum Beispiel gerade die eines Bassisten, den du schätzt, Sammy Saemann. Du schreibst dazu lakonisch "2 Tracks eingespielt". Heißt das, du spielst mit auf seiner CD?

J.K.: Ja tatsächlich, wir haben uns auf einem Konzert getroffen wo wir beide Gastmusiker waren. Und ein Jahr später hat er mich gefragt, ob ich nicht auf seiner CD mitspielen will. Ich bin selber sehr gespannt, da die CD noch nicht fertig ist. Was ich aber bisher gehört habe gefällt mir. Als Produzent oder ähnliches arbeite ich allerdings nicht. 

agas: Du erwähnst das Duospiel mit Hubert Winter. Entschuldige meine Ignoranz, aber wer ist Hubert Winter? Du hast ja Improvisations-Unterricht bei ihm gehabt. Kannst du ganz kurz beschreiben, wie dieser Unterricht aussah? Wie lehrt er Improvisation?

J.K.: Hubert ist ein Tenorsaxophonist hier in Würzburg, und er hat ein tolles Übungs- und Improvisations-Konzept entwickelt. Es ist sehr kopflastig, aber auch sehr effektiv. Natürlich ist es nur als ergänzendes Konzept zu betrachten und ersetzt nicht das Spielen mit den Ohren bzw. aus dem Bauch. Ich habe sein Konzept bis heute als festen Bestandteil meiner Übungseinheiten. Grob gesagt geht es um Skalen, Skalenzerlegungen, Umspielungstöne. Arpeggien, Quinträume und Pentatonik. Ich habe dann im Laufe der Jahre das Konzept auf mich etwas abgestimmt und erweitert vor allem im Bereich der Akkordbildung. Aber zudem ist Hubert nicht nur ein Wahnsinns-Spieler sondern ein herausragender Pädagoge. Ich kenne viele, die neben Ihrer Hochschulausbildung noch privat Unterricht bei ihm nehmen. 

agas: Du warst auch Schüler von Michael Arlt. Bestand da die Vermittlung hauptsächlich im Zusammenspiel, oder wie ging das?

J.K.: Von Michael habe ich ebenfalls sehr viel gelernt aber wie du schon vermutest, viel durchs Spielen. Die Art und Weise, wie er über Musik denkt, hat nie ganz in mein Konzept gepasst, aber da ist jeder unterschiedlich und das ist auch völlig egal. Wichtig ist, „was hinten rauskommt“, und da kommt jede Menge raus. Gerade akkordtechnisch besitzt er herausragende Fähigkeiten. Es ist unglaublich, was dieser Mensch alles weiß. Seine Time und seine Melodik haben mich definitiv geprägt. Manchmal spielen wir im Duo, was für mich immer eine tolle und wertvolle Lehrstunde ist.  

agas: 1997 hast du die BWL hingeschmissen und bist bis 1998 an der Future Music School gewesen. Was hast du da gelernt, und was bedeutet dein Abschluss "Diplom Pro Pro"? Du sagtest, dort hättest du "das ganze Handwerkszeugs" gelernt. Was konntest du, bevor du dort eingestiegen bist?

J.K.: Ich hatte davor eine grobe Ahnung von Harmonielehre, Tonleitern und Akkordbildungen. Wir haben damals schon mit unserer Band eigene Songs geschrieben und Aufnahmen gemacht. Ich habe mich damals viel mit Rockmusik beschäftigt und ein wenig konnte ich die Musik auch schon spielen. Wir waren zumindest damals sehr ambitioniert. An der Future Music School habe ich dann die Sachen von der Pike an noch mal gelernt. Rhythmik, Harmonielehre, Solospiel, Griffbrettgeometrik, Kirchentonleitern, melodisch Moll usw. Ich hatte auch gute Lehrer.  

agas: Du hast dann gewechselt an die HfM deiner Geburtsstadt Würzburg. Übrigens: Wo liegt Höchberg, wo du heute – seit wann? – lebst? 2002 hast du abgeschlossen als Diplom-Musiklehrer mit Hauptfach Jazzgitarre und Nebenfach Klavier. Die Kombination macht neugierig. Zwar sagst du, du könntest "leider" mit klassischer Gitarre nicht viel anfangen, schätzt aber die "Wärme" von Glenn Goulds Bach-Spiel. Ist es andererseits möglich, dass die pianistische Erfahrung sich auf dein Gitarrespiel ausgewirkt hat? Deine Akkordik jedenfalls lässt die Annahme zu. Wie sieht da deine Philosophie aus? Du bist ein moderner Mainstreamer, der eine gesunde Mischung aus linearem und vertikalen, also akkordischen Spiel bevorzugt. Richtig?

J.K.: Höchberg gehört zu Würzburg. Eigentlich lebe ich schon immer in Würzburg. Zwischenzeitlich bin ich nur zweimal weggezogen, einmal für ein halbes Jahr nach New York, 2002, und von ´05 bis ´06 ein Jahr nach Wien. Beide Male hat das riesige musikalische und persönliche Erfahrungen für mich bedeutet, die ich nicht missen möchte.

Doch schon - klassische Gitarre ist ein wunderbares Instrument. Aber ich habe nie einen richtigen Zugang gefunden. Da finde ich die Möglichkeiten am Klavier schon viel interessante, und darum habe ich auch als Zweitinstrument an der Hochschule Klavier gewählt und dadurch mehr über Voicings und Melodieführungen verstanden. Auch habe ich so zwangsläufig mehr über die Funktion und den Sound des Klaviers kennengelernt. Für mich war es sehr wichtig, vor allem, wenn man mit Pianisten zusammenspielt. Jeder Pianist betreibt ja eigentlich ein Zehn-Mann-Orchester, und das kann für einen Gitarristen schnell erdrückend werden. Dann muss ich mir immer wieder klar machen, dass ich eine andere Funktion habe, viel intimer und zurückhaltender. Einige Jahre lang habe ich dann nichts am Klavier unternommen, aber seit zwei, drei Jahren beschäftige ich mich wieder mit einfacher klassischer Literatur. Da stecken so viele andere Facetten der Musik drin, die ich über die Jazzgitarre niemals kennenlernen würde. Vor allem beschäftige ich mich mit Bach - Bach ist so rein und elegant. Und einer, der es für mich wie wenig andere verstanden hat, Bach zu interpretieren, ist Glenn Gould, vor allem aufgrund seiner Rhythmik, natürlich seiner Virtuosität, aber mehr noch seine Time und der damit verbundene Spielfluss, der mich so beeindruckt - ähnlich übrigens wie bei Pat Martino. Der Flow, die Time und die damit herauskommende Energie sind einfach genial.

Moderner Mainstreamer kommt wahrscheinlich gut hin. Ich mag das konservativ, traditionelle und schön Klingende in der Kombination mit modernen Soundvorstellungen. 

agas: 2002 bis '03 warst du also in New York und hast dort ein imposantes Spektrum an Gitarristen auch als Lehrer kennen lernen können – Mike Stern, Pat Martino, den du "magisch" findest, Wayne Krantz, Jonathan Kreisberg, Adam Rodgers, Peter Bernstein, Thorsten de Winkel…

J.K.: Ja das war wirklich eine wahnsinnig tolle Zeit und Erfahrung. Ich weiß auch gar nicht so recht, wo ich da anfangen oder aufhören soll, zum Beispiel, wie uns die Knie gezittert haben, als ich mit einem sehr guten Freund und tollen Gitarristen zusammen bei Pat Martino vor der Haustür stand und sich keiner von uns getraut hat zu klingeln. Oder wie uns Mike Stern nach langem Hinterhertelefonieren zu sich nach Hause eingeladen hat. Dort hat uns dann Leni Stern mit bayrischem Dialekt einen Kaffee angeboten und einige Stunden später unseren Unterricht mit Mike beendet weil doch Mike bitte endlich noch geriebenen Käse für das Mittagessen besorgen sollte. Übrigens war gerade das für mich auch eine der wichtigsten Erfahrungen - eben die menschliche, die privatere Seite dieser Musiker kennenzulernen. Das mag komisch klingen, aber für mich waren das bis dahin unerreichbare Musiker mit legendären Aufnahmen mit ihrerseits legendären Musikern. Ich habe einen persönlichen Bezugspunkt geschaffen, der alles etwas entmystifiziert hat. Die Musik ist somit wesentlich näher gerückt, ohne dass sie irgend etwas an Glanz und Genialität verloren hätten. Ich habe primär keine neuen technischen Details kennen gelernt. Ich habe allerdings etwas viel Wertvolleres kennen gelernt: Wie mache ich aus alldem Musik? Das war faszinierend, weil jeder einen völlig anderen Weg benutzt. Aber eines war bei allen gleich, die Frage nämlich: Wie funktioniert Musik für mich? Und bei allen war die Botschaft die gleiche: Finde deinen Weg, Musik zu machen und versuch‘ nicht so zu klingen wie der und der. Lerne zwar von ihnen, aber löse dich wieder. Und es ist ja auch eines der spannendsten Erlebnisse überhaupt, die eigene musikalische Persönlichkeit zu entdecken. Ich komme mir immer wieder vor wie damals, als ich 15 war und auf der Suche nach meiner eigenen Identität mit allen möglichen Vorbildern. Aber schließlich und endlich, nach einem langen und bestimmt nicht immer einfachen Prozess kommt “Ich“ heraus und keine B-Varianten meines ehemaligen Banknachbarn. Und so soll es auch in der Musik sein. Erst die Verschiedenheit aller musikalisch reifen Persönlichkeiten macht das ganze interessant und lebendig. Da bleibt dann auch nur noch sehr wenig Platz für Neid und Konkurrenzdenken.

agas: Ist der Schluss zulässig, dass dein Dasein als Pro in dieser Zeit begonnen hat? Drei Jahre später, 2006, leitest du in Chartres einen Jazzworkshop. Wie sah das aus?

J.K.: Na ja, mit Musik hatte ich ja schon länger Geld verdient, und ich habe ich mir ja damit u. a. auch mein Studium mitfinanziert, hauptsächlich natürlich mit Unterrichten. Aber es kamen während des Musikstudiums immer wieder kleine interessante Aufträge wie zum Beispiel als Aushilfe am Stadttheater. Aber das Dasein als Pro, wie du es in der Frage meinst, das hat tatsächlich erst nach dem Studium begonnen. Das ganze Unterfangen - das Leben als Musiker - sollte beginnen, sich selbst zu tragen. Und das war mental ziemlich schwierig für mich. Ich hatte zwar einen Unterrichtsjob, aber musikalisch war ich sehr orientierungslos. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich bis 2006 für ein Jahr nach Wien gegangen bin. Da konnte ich allein sein und viel über mich und die Musik nachdenken. Und dort habe ich dann das Komponieren angefangen. Zu der Zeit wurde ich auch für eine Woche nach Chartres in Frankreich eingeladen, um dort eine Jazzworkshop zu halten. 

agas: Du hast eigene Bands, Mehrzahl. Kannst du das kurz abhandeln?

J.K.: Ich habe in erster Linie mein eigenes Quartett, das Joe Krieg Quartet, und dann natürlich noch einige andere Formationen mit ständig wechselnder Besetzung. Das ist auch sehr gut so, weil jede Besetzung eine andere Art zu spielen erfordert - eine Sängerin zu begleiten, ist natürlich anders als Bandleader im eigenen Quartett zu sein. In zwei Wochen [Anm.: Das war Anfang Juli] spiele ich wieder mit einer alten Band von mir. Wir heißen Korridor, und das Konzept geht in die Elektro Pop-Ecke mit vielen Loops und tollen, fetten Synthie-Sounds.

agas: Wer ist Birgit Süß, deren Gitarrist du bist? Was machst du da?

J.K.: Birgit Süß ist eine Sängerin und Kabarettistin aus Würzburg, die ich eine Zeitlang begleitet habe. Da habe ich auf der Flattop typische Liedbegleitung gemacht.

agas: Wer sind "Max Radio" und – Schreibung korrekt? – "Mellow Mark"?

J.K.: Max Radio war unsere erste eigene Pop-Band während des Studiums. Wir haben damals einen Produzenten gefunden, der das alles sehr kommerztauglich und richtig dick produziert hat. Allerdings bin ich dann nach New York City, und da hat es angefangen, sich zu verschlagen. Mellow Mark ist ein Reggae-Künstler, der 2003 Echo-Preisträger war. Ich durfte für vier Shows für einen Freund einspringen. Das war auch eine tolle Erfahrung. 

agas: Seit 2005 spielst du in der erwähnten Gruppe "Korridor". In jenes Jahr fällt auch die Gründung des Joe Krieg Quartetts. Ein wenig mehr noch zu Korridor und ein, zwei Sätze zu deinem Quartett, bitte.

J.K.: Korridor ist ein Projekt mit Drums, Sax, Gitarre und programmierten Sounds und Loops. Wir haben eine CD herausgebracht (www.myspace.com/korridor). Leider wohnen wir mittlerweile alle so verteilt, dass sich das alles ein wenig verläuft.

In Wien habe ich wie schon erwähnt angefangen, Songs zu schreiben. Und diese Songs wollte ich natürlich gerne auch mal live spielen. Dabei hatte ich schon immer den Sound eines klassischen Gitarrenquartetts im Ohr, also mit Piano, Kontrabass, Drums und Gitarre. Der Sound und die Band haben mich dann so begeistert, dass ich hochmotiviert war, weiterzuschreiben und eine Platte aufzunehmen. Zudem kam auch viel Zuspruch von außen. Das Quartett ist auch eine feste Besetzung. Es macht wirklich sehr viel Spaß, mit dieser Band zu spielen, zum einen, weil das wirklich alle sehr tolle Musiker sind und zum anderen, weil wir uns persönlich auch sehr gut verstehen. Das Bandklima ist für mich sehr wichtig. 

agas: 2006 hast du mit den Nürnberger Symphonikern in einem "Symphonic Rock"-Programm gespielt. Wie war das? Warst du da als Solist?

J.K.: Das war für mich ein musikalisches Highlight. Es gab zwei Aufführungen im Nürnberger Serenadenhof unter der Leitung von David Arnold. Ich habe auch erst während der Pause des ersten Konzertes erfahren, dass der grammy-nominierte Mister Arnold die Soundtracks für unzählige Hollywoodfilme geschrieben hatte, wie zum Beispiel „Independance Day“ oder „Casino Royal“. Und da wurde ich dann doch ein wenig nervös. Ja, ich war so eine Art Solist. Wir waren eine vierköpfige Rockband (g, keyb, b, dr), begleitet von einem Symphonieorchester. Wir haben Pop und Rocksongs von ABBA, Queen, Tina Turner und anderen gespielt. Es gab solistisch viel zu tun und hat irre viel Spaß gemacht. 

agas: Im selben Jahr warst du in Lourdes. Du hast dort an einem Programm namens "Lourdes Chorale internationale du chemin neuf" teilgenommen. Als was? Und was war dieser "chemin neuf"? Moderne Chormusik?

J.K.: Das war ein sehr großer Laienchor mit vielen Tänzern und einer kleinen Begleitband, der ich angehörte. Wir durften eine Woche für die Kranken spielen an wirklich tollen Plätzen - direkt auf dem Hauptplatz vor der Basilika. Der chemin neuf ist eine katholische Organisation in Frankreich. Sie fühlt sich der Kunst sehr verpflichtet auch aus dem Glauben heraus, dass sie ein Geschenk Gottes ist, das verbreitet und weitergegeben werden muss. Deshalb veranstalten sie viele Workshops (wie unter anderem auch den Jazzworkshop, den ich geben durfte), Konzerte und veröffentlichen auch CDs. Vor zwei Jahren hat ein Pfarrer und guter Freund von mir seine CD veröffentlicht, auf der ich ebenfalls mitwirken durfte. Meistens gehen diese Sachen in die Rock/Pop Richtung mit geistlichen Texten.

agas: Du hast auch für zwei Musicals am Würzburger Stadttheater gespielt. Welche waren das?

J.K.: Das waren zwei Cole-Porter-Musicals, „Anything Goes“ und „Kiss Me Kate“, das wohl bekannteste von ihm. Als Aushilfe durfte ich dann mit der Zeit immer wieder mal spielen. 

agas: Wann war die Deutschlandtour mit der jungen Erlanger "Gruppe 3"? Und was für Musik macht die? Wie kam die Gruppe auf dich?

J.K.: 2003, ich kam gerade von meiner Studienreise aus New York zurück, als mich der Drummer, ein sehr guter Freund aus Erlangen, mit dem ich zuvor studiert hatte, anrief. Sie hätten eine Band, einen Plattendeal, eine ausstehende Tour und noch keinen Gitarristen. Uns hat es dann knapp zwei Jahre lang gegeben. Was wir gespielt haben, nannten wir Funkadelic Deutschrock genannt. Das war echt eine tolle Band. Die Plattenfirma hat dann den Geldhahn zugedreht, und dann hat dem ein oder anderen auch die Motivation gefehlt. 

agas: 2008/09 kam dann also deine erste eigene CD heraus, "Anadulphs Traum". Was sagst du selbst – du hattest bis dahin ja durchaus schon auf etlichen Platten deine gitarristischen Spuren hinterlassen – zu diesem Debüt? Und wie ist die response auf das Album?

J.K.: Eine eigene Platte zu machen mit nur eigenen Songs von mir, war wirklich ein langer Traum. Wir haben viel geprobt davor, weil das alles für uns ganz neu war. Die Themen und die Harmonien standen zwar fest, aber wir haben jeder viel Zeit gebraucht, um uns hineinfinden zu können und am Schluss den gleichen Sound im Ohr zu haben. Ich war vor und während der Aufnahmen sehr angespannt, ob das alles hinhauen würde. Danach habe ich mir die rough mixes geben lassen, insgesamt sieben Stunden Musik, und habe sie mir drei Monate lang ständig angehört. Das mag komisch klingen, aber ich habe die Zeit gebraucht um meinen Sound den ich auf der Platte gespielt habe, kennenzulernen. Wie wenn man sich zum ersten Mal reden hört, wenn man sich aufnimmt, denn ich hatte bis dato nur sehr wenig improvisierte Musik aufgenommen. Vielleicht mal ein zwei Soli, aber bestimmt nicht in dem Umfang wie für diese Platte. Irgendwann habe ich angefangen, das alles zu akzeptieren, und dann war auch klar, dass ich die Aufnahmen veröffentlichen wollte. Davor sollte die Platte noch einige Instanzen durchlaufen, zum Beispiel die, dass ich Michael Arlt gefragt habe, ob er sich vorstellen könnte, Liner Notes zu schreiben. Dann war ich natürlich auch sehr froh, die Platte auf Jardis herausbringen zu dürfen. Auf dem Label vom Heiner Franz sind ja viele tolle Gitarristen. Die Resonanz ist bis heute eigentlich durchgehend sehr positiv, und die Leute bringen mich jetzt mit etwas Bestimmten in Verbindung. Das verleiht mir ein „Gesicht“, und ich finde das sehr wichtig. Auch im Hinblick auf die Suche nach meiner eigenen musikalischen Identität war das ein sehr wichtiger Schritt.   

agas: 2009 hattest du eine Auftragsproduktion, eine CD namens "Sounds of White". Was ist das? Hast du da mitgespielt? Worin bestand die Produktionsarbeit?

J.K.: Das war ein tolles Projekt von einer Münchner Anwaltskanzlei. Die wollte für Ihre Kunden ein exklusives Weihnachtsgeschenk in Form einer CD-Produktion. Der Sound sollte ein Jazzquartett mit Jazzsängerin sein. Die Songs sollten allesamt bekannte Rock/Pop Songs sein, aber eben arrangiert für eine Jazzbesetzung. Meine Arbeit bestand darin, sowohl die passenden Leute wie auch die passenden Songs passend zu arrangieren und aufzunehmen. Natürlich habe ich da selber mitgespielt. Es sind dabei, finde ich, sehr schöne Versionen von Eleanor Rigby, Nirvana, Eric Clapton und U2 herausgekommen. Wir überlegen gerade, ob wir diese Platte unter einen anderen Namen und etwas überarbeitet auf einem Online-Label veröffentlichen.  

agas: Du sagst, du hörst gar nicht "soo viele" Gitarristen. Und wenn, dann wohl am liebsten Pat Martino. Fühlst du dich in deinem Spiel von ihm geprägt? Ich könnte das nicht recht bestätigen (was ich aber auch gar nicht so schlecht finde). Wie würdest du dein eigenes Spiel, deinen Stil charakterisieren? Was, meinst du, ist das "typisch Kriegsche"?

J.K.: Pat Martino ist einer meiner ganz großen Favoriten, aber ich höre andere auch sehr gern. Von ihm geprägt bin ich nicht, weil ich nie den Ehrgeiz hatte, sein Konzept in mein Spiel zu integrieren. Pat hat aber so eine starke Kraft in seinem Spiel, dass man schnell verleitet wird, so spielen zu wollen, wie er. Das geht aber nicht, und ich zumindest scheitere kläglich daran. Darum vermeide ich es auch, vor Proben oder Konzerten seine Platten zu hören. Bei anderen Gitarristen habe ich das viel weniger, wobei man von guten Spielern immer inspiriert und beeinflusst wird, was ja gut ist. Den größten Abstand kann ich wahren, wenn ich Nichtgitarristen höre. Die höre ich frei von instrumentenspezifischen Eigenheiten und kann mich folglich besser auf ihre Musik einlassen. Am liebsten höre ich immer noch Pianisten, weil sie so unendlich viele Räume öffnen können, wenn sie nur wollen.

Mein eigenes Spiel kann ich leider überhaupt nicht charakterisieren. Ich könnte höchstens alles aufzählen, was mir daran noch nicht passt. 

agas: Bist du eigentlich viel on the road? Hast du Klub-Gigs? An wie viel Abenden im Jahr (oder Monat) stehst du auf einer Klub- oder Konzertbühne?

J.K.: Na ja, es geht. Sagen wir mal: Es ist noch etwas Luft drin. Ich liebe es wirklich, live zu spielen. Man lernt auch jedes Mal unheimlich viel dazu. Konzertante Programme spiele ich leider viel zu selten, weil es einfach sehr schwer ist, sich bei den Clubs durchzusetzen, vor allem wenn man in einer Band ohne großen Namen spielt. Da interessiert es nur zweitrangig, wie gut man ist. Auch ist mir aufgefallen, dass man ohne Saxophon wirklich ein schwierigeres Los bei Veranstaltern hat, weil Saxophon nun mal das Instrument ist neben der Trompete, das die Zuhörer mit Jazz in Verbindung bringen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Jazzgitarre ein äußerst exotisches Instrument ist, obwohl wir so tolle Vorreiter und Vorväter haben und hatten. Aber mein Quartett ist ja nicht die einzige Band, zum Glück. Gerade jetzt in den Sommermonaten spielt man doch etwas häufiger.

agas: Gibt es Pläne für eine Folge-CD?

J.K.: Ja sogar ganz konkrete. Anfang August 2010 geht es wieder ins Studio. Wir freuen uns alle schon riesig. 

agas: Was gibt es sonst für Pläne, Projekte oder sonstige Vorhaben?

J.K.: Heiraten und vielleicht mal wieder in eine neue Stadt ziehen. Ansonsten habe ich es nicht so sehr mit Langzeitplänen.

agas: Gibt es irgend etwas, das dir auf den Nägeln brennt und du hier ansprechen willst, Antworten auf irgendwelche Fragen, die ich nicht gestellt habe, irgendwelchen Kummer, irgendwelche positiven, negativen oder sonst wie kritikwürdigen Beobachtungen zur Kultur-, Jazz- oder Gitarrenszene, Veranstaltern?

J.K.: Vielleicht ein paar eher allgemeine Beobachtungen: Wir können sehr dankbar sein, dass sich wirklich viele Menschen unentgeltlich oder für nur geringen Lohn für die Musikszene bzw. die Musikkultur einsetzen. Ich denke an Jugendzentren/Veranstalter und, ganz oft, an die Musiker selbst. Bis zu einem gewissen Punkt ist das natürlich in Ordnung. Ich denke da an den Laien- und Freizeitbereich. Dennoch muss ich als Profimusiker, also als Musiker, der von der Musik leben muss, immer wieder mit ganz geringen und sehr schlechten Gagen auskommen. Auch im Unterrichtsbereich ist es sehr schwer, Festanstellungen zu bekommen. Ich denke, dass eine der Hauptursachen die schlechte Förderungspolitik ist, und zwar besonders im Jazzbereich. Leider muss ich mit ansehen, wie schwer es für die Würzburger Big Band (WJO) ist, an dringend benötigte Fördergelder zu kommen. Gestern hat mich die Nachricht erreicht, dass das Vienna Art Orchester sein letztes Konzert gegeben hat. Die Gründe sind bröckelnde Besucherzahlen und das fehlende Geld. Jazz Baltica soll ein Jahr aussetzen [mehr hier]Und bestimmt ist es nicht so, dass sich niemand für Jazz interessiert. Immer wieder hört man den Satz: „Ach was! Das ist Jazz? Das ist doch toll!“. Wir brauchen mehr Erziehung und Heranführung an diese Musik. Wir müssen unsere Gesellschaft kultivieren. Man merkt schon große Unterschiede, ob sich beispielsweise ein Musikklub um sein Publikum kümmert oder nicht. Die schönsten Konzerte haben wir in Clubs mit Stammpublikum gespielt. Die Leute kannten uns nicht; aber sie hatten Lust auf Musik.

Ich würde mir wünschen dass bald wieder mehr Licht am Horizont für uns alle auftaucht. Denn eines ist ebenfalls klar: Es kommen jede Menge Musiker nach, denn es gibt immer mehr Ausbildungsstätten mit immer mehr Studenten.

Am Schluss möchte ich doch noch mal die Bedeutung der Jazzmusik hervorheben. Jazz und Blues sind die führende Musik der letzten hundert Jahre. Sie haben unzählige rhythmische, harmonische und melodische Innovationen hervorgebracht und tun das bis heute. Unsere gesamte heutige Musikkultur - abgesehen von der klassischen - basiert auf Blues und Jazz. Sie sind unsere Wurzeln.

Alexander Schmitz

www.agas-schnitz.com

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